Coronakrise belastet die Psyche: Selbstschutz jetzt umso wichtiger

Die Coronakrise belastet Menschen aller Altersgruppen und sozialen Schichten. Sei es das andauernde Homeoffice, das Familienchaos inklusive Homeschooling, die soziale Isolation oder die Furcht vor dem Virus. Aktuelle Umfragen zeigen, dass ernste psychische Probleme immer häufiger werden. Doch es gibt gezielte Massnahmen, um die Psyche zu schützen und dem Gefühl der Erschöpfung und des Ausgebranntseins entgegenzuwirken.

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  • 08.04.2021
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Gestresste junge Frau am Schreibtisch
© fizkes/www.shutterstock.com

Schon im Winter 2020 hat sich die psychische Belastung abgezeichnet. Eine Umfrage des SRF hat ergeben, dass sich 46 Prozent der Befragten vor sozialer Isolation fürchten und dass die Befragten nicht nur körperliche Nähe vermissen, sondern auch Unbeschwertheit und die Möglichkeit, die eigene Freizeit zu gestalten.

Je länger Lockdown und Co. anhalten, desto grösser sind auch die negativen Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Menschen. Eine neue Umfrage von Sanasearch bestätigt das: Aktuell steige die Zahl der ernstzunehmenden Probleme wie Depressionen, Burnout und Ängste. Wie das Presseportal Schweiz (PPS Pressedienst) berichtet, habe Sanasearch 63 Psychotherapeuten zu dem Thema befragt. Der Konsens: Die Nachfrage nach Psychotherapien sei besonders nach der zweiten Welle deutlich angestiegen. „Wie die Umfragewerte zeigen, konstatieren 80% der Psychotherapeuten eine verstärkte Nachfrage nach Therapien von mindestens 20%. Etwa jeder Vierte spürt sogar eine Zunahme von über 60%.“ Die starke Nachfrage treibe viele Praxen an ihre Belastungsgrenzen. Und der Trend könnte sich verstärken. Nach Einschätzung der befragten Therapeuten werde der Bedarf an Therapien spätestens nach der Krise „explodieren“.

Burnout-Risiko durch Corona erhöht

Burnout wurde lange als Modekrankheit verschrien. Mittlerweile ist klar: Die psychische Erkrankung ist durchaus ernst zu nehmen. Menschen mit Burnout fühlen sich erschöpft, kraftlos, leer und ausgebrannt. Die Symptome werden jedoch oft unterschätzt und verdrängt. Unter anderem deshalb ist Burnout eine Krankheit, die schleichend kommt und oft schon weit vorangeschritten ist, bevor sich Patienten Hilfe holen.

Die Coronakrise verstärkt bei vielen Menschen das Risiko, an Burnout zu erkranken. Neue Stressfaktoren müssen bewältigt werden. Gleichzeitig sorgen Lockdown, Isolation und Angst vor dem Virus dafür, dass die meisten Menschen empfindlicher auf Stressfaktoren reagieren.

Stress ist eigentlich gesund

Dabei ist das Gefühl von Stress im Grunde nicht ungesund. Eigentlich ist Stress sogar überlebenswichtig für den Menschen. Denn der Körper setzt Adrenalin frei, der Puls erhöht sich und die Reaktionsfähigkeit nimmt zu. In Stresssituationen wird der Körper in Alarmbereitschaft versetzt, sozusagen in den Überlebensmodus. Während früher auf den Stress zum Beispiel ein Kampf oder eine Flucht folgten, ist das heute in der Regel nicht mehr der Fall. Eine körperliche Handlung kann aber dabei helfen, den Stress zu bewältigen bzw. abzubauen. Heute ist das oft anders: Der Stress ist ein anderer geworden. Es geht nicht mehr um den direkten Überlebenskampf. Eltern im Homeoffice, die gleichzeitig ihre Kinder betreuen müssen, fühlen sich zum Beispiel durchaus gestresst, doch es folgt kein direkter Stressabbau. Der Stress wird also zum Dauerzustand und somit ungesund.

Psychische Gesundheit schützen mit diesen Massnahmen

Die psychische Gesundheit findet oft wenig Beachtung in täglichen Routinen. Doch besonders in schweren Zeiten ist es wichtig, auf sich selbst zu achten. Schon kleine Alarmsignale wie Gereiztheit, Erschöpfung oder depressive Verstimmungen sollten ernst genommen werden. Mit ein paar Tricks ist es möglich, die psychische Gesundheit im Alltag zu fördern.

Stress umwandeln mit Bewegung

In einer Stresssituation versetzt sich der Körper in den Überlebensmodus. Er stellt also Ressourcen bereit und möchte, dass diese genutzt und umgewandelt werden. Bewegung ist deshalb das Hilfsmittel Nummer 1 gegen Stress. Ein langer Spaziergang, eine Fahrradtour oder Krafttraining können helfen, das Gefühl von Stress zu reduzieren. Regelmässige Bewegung im Alltag ist also nicht nur gut für den Körper, sondern auch für den Kopf.

Wichtig: Versuchen Sie, die körperlichen Aktivitäten so in Ihren Alltag einzubringen, dass sie nicht zu einem zusätzlichen Stressfaktor werden. Überfüllen Sie also nicht Ihren Terminkalender mit unzähligen Sporteinheiten. Nutzen Sie lieber zwischendurch die Mittagspause für einen schönen Spaziergang, verbinden Sie eine Fahrradtour mit einem Picknick oder powern Sie sich zu Hause bei lauter Musik so richtig aus. Wichtig ist, dass es Spass macht.

Ordnung im Kopf schaffen

Stress durch Bewegung abzubauen, ist nicht immer möglich. Vor allem auf der Arbeit, zum Beispiel im Büro, staut sich deshalb oft Stress über den ganzen Tag an. Die Coronakrise zwingt viele Arbeitnehmer ins Homeoffice: Während manche gut damit zurechtkommen, ist die Isolation für andere ein weiterer Stressfaktor. Doch auch am Schreibtisch kann Stress umgewandelt werden. Denn er erhöht die Leistungsfähigkeit. Wer sich das zunutze macht, kann mit dem Stress besser umgehen. Eine To-Do-Liste kann dabei wahre Wunder bewirken: Schreiben Sie alles auf, was Sie an einem Tag oder über einen bestimmten Zeitraum schaffen möchten. Planen Sie für jedes To-Do ausreichend Zeit ein und fokussieren Sie sich zeitgleich immer nur auf eine Aufgabe. Auf diese Weise schaffen Sie Ordnung im Kopf und reduzieren die Angst, etwas Wichtiges vergessen zu haben. Denn Sie können immer wieder vollendete Aufgabe abhaken und wissen immer genau, was darauf folgt.

Unser Tipp: Hetzen Sie sich nicht von einer Aufgabe zur nächsten, sondern nehmen Sie sich Zeit, erledigte Aufgaben abzuhaken und sich darüber zu freuen. Loben und belohnen Sie sich selbst, dass Sie wieder etwas geschafft haben.



Pausen einlegen und innehalten

Einfach mal nichts tun – das ist für viele Menschen zu einer Seltenheit geworden. Gerade in der heutigen, schnelllebigen Zeit ist es umso wichtiger, hin und wieder innezuhalten und sich eine Pause zu gönnen. Mindestens einmal am Tag sollten Sie einfach mal die Augen schliessen oder ins Leere starren, nichts tun und an nichts denken. Geben Sie sich ein paar Minuten Zeit und lassen Sie sich nicht vom Smartphone oder von anderen Geräuschen stören.

Es kann auch hilfreich sein, sich einen bestimmten Tag in der Woche auszusuchen, der nur Ihnen gehört und nicht von anderen bestimmt wird. Unternehmen Sie an diesem Tag ausschliesslich Dinge, die Ihnen Freude bereiten und auf die Sie in genau dem Moment Lust haben.

Auch während der Arbeitszeit sind kleine Pausen wichtig. Nehmen Sie sich zum Beispiel zwischen zwei Aufgaben ein paar Minuten Zeit und schauen Sie aus dem Fenster. Kleine Verschnaufpausen können schon dabei helfen, Stress zu reduzieren. Auch die Mittagspause sollte keinesfalls unterschätzt werden. Lassen Sie sie am besten nie ausfallen, sondern nutzen Sie sie für etwas Schönes. Ein Spaziergang, ein leckeres Mittagessen oder eine kurze Shoppingtour durch die Stadt.

Sich etwas Gutes tun

Besonders in der aktuellen Situation raten Experten dazu, sich öfter mal etwas Gutes zu tun. Ganz bewusst sollte man jetzt positive Dinge in den Alltag integrieren: Ein Cocktail im Garten oder auf der Terrasse, das Lieblingsessen, ein heisses Bad, ein gemütlicher Fernsehabend oder ein Ausflug in die Natur – alles, was gut tut, sollte jetzt häufiger auf dem Programm stehen, natürlich coronakonform.

Soziale Kontakte aufrechterhalten

Was vielen Menschen derzeit am meisten fehlt, sind soziale Kontakte. Trotz Pandemie ist es für die Psyche enorm wichtig, Freundschaften und Bekanntschaften aufrechtzuerhalten. Die Möglichkeiten dazu sind vielfältig: Per Chat, Telefon, Videoanruf oder ganz altmodisch über eine Brieffreundschaft. Wichtig ist aktuell nicht die Art des Kontakts, sondern dass der Kontakt überhaupt existiert. So kann die fehlende körperliche Nähe wenigstens etwas kompensiert werden.

Wichtig: Trotz Pandemie kann es natürlich vorkommen, dass Ihnen alles zu viel wird! Wenn Sie beim Einkaufen ständig für einen Plausch mit Abstand aufgehalten werden, wenn jeden Tag Freunde anrufen oder die Familie unterhalten werden will, kann es trotz sozialer Distanz sein, dass man selbst zu kurz kommt. Achten Sie darauf, dass Sie Ihre eigenen Bedürfnisse nicht vergessen.

Bedürfnisse der anderen nicht vorziehen

Öfter mal „Nein“ sagen – das sollten sich viele Menschen vornehmen. Denn wer mit Burnout oder ähnlichen psychischen Probleme zu kämpfen hat, hat oft auch Schwierigkeiten, die eigene Meinung zu sagen. Daraus resultiert oft erst die psychische Überlastung. Im Alltag gibt es viele Szenarien, bei denen man sich selbst und die eigenen Bedürfnisse hinten anstellt. Ab und zu kann es Wunder bewirken, „Nein“ zu sagen. Wenn es Ihnen schwerfällt, tasten Sie sich langsam heran und üben Sie das Neinsagen im Alltag zuerst an Kleinigkeiten. Mit der Zeit werden Sie sich immer mehr zutrauen und sich selbst entlasten.

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